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Gemüsesuppe

Vaterlandes Kochtopf

Allerlei Rezepte für Küche und Herz in kriegerischen Tagen
von Ida Boy-Ed
Verlag August Scherl GmbH Berlin
o. J. [ca. 1915]
Schrift Fraktur
ca. 12 x 17 cm, Broschur, Umfang 31 S.
Standort Staatsbibliothek zu Berlin – Preußischer Kulturbesitz
Signatur Krieg 1914/5150<a>

Dem mausgrauer Kartonumschlag geben ein schmuckloser Rahmen und zwei horizontale Linien Struktur. Auf der Innenseite der vorderen Umschlags wirbt die Firma Henkel & Cie. das Waschmittel Persil für Verwundeten-Wäsche zu kaufen. Auf den rückwärtigen Umschlagseiten stehen diverse Anzeigen z.B. für für Kaffeeersatz, Pflanzenbutter-Margarine, koschere Butter und Schmerzmittel. Die Schrift ist Fraktur.

Ida Boy-Ed (1852 – 1928) ist eine bekannte Schriftstellerin, die ein selbstbestimmtes Leben im Kaiserreich führt. Sie schrieb über 70 Romane und war kulturpolitisch aktiv. Sie förderte u.a. Thomas Mann und Wilhelm Furtwängler. Wie auch die Autorin Elly Petersen, geht sie auf ganz eigene Weise mit der selbst gestellten Aufgabe, ein Kriegskochbuch zu schreiben, um. Anstelle eines Vorworts liest man ein Gespräch zwischen der Autorin ich und einem anonymen Herausgeber:

Der Herausgeber: "Bitte, schreiben Sie uns doch eine Novelle oder einen Roman aus der Kriegsstimmung heraus."
Ich: "Nein, noch lange nicht. Erstens kann ich keine Erregungen schildern, wenn ich noch in ihnen zittere. Und zweitens ist ein Kochbüchlein jetzt nötiger als alle schöne Literatur. Oft habe ich schon gehört, daß zu viel Romane geschrieben werden, und daß es zu vielerlei philosophische Systeme gibt. Aber daß es zu viele gut und leicht nutzbar zu sammengestellte Speisefolgen gäbe und zu viel klare Kochvorschriften, hat noch kein Mensch gesagt. Besonders keine Hausfrau. Und die Küchenfrage ist jetzt auch eine Bewaffnungsfrage geworden."

Es ist offensichtlich, dass Boy-Ed spielerisch und mit großer Überzeugung an die Arbeit geht. Die Küchenschürze wird in Kriegszeiten zur kriegerisch-ritterlichen Amazonentracht. Die Aufgabe der Hausfrau ist es nicht nur zu kriegsgemäß zu kochen, sondern auch die nötige Überzeugung am Esstisch zu vermitteln: Stimmung ist alles! Sie ist die Mutter der Hoffnung und des Mutes. Drum wollen wir sie vor allen Dingen um den Eßtisch glänzen lassen. Man kann sie sich erzwingen.

Der Rezeptteil ist ein Speisezettel – er beginnt mit dem Sonnabend der ersten Woche und endet mit dem Freitag der vierten Woche. Für jeden Tag schlägt sie in einem kurzen Absatz ein Mittag und ein Abendessen vor. Dem folgt ein ausführliche Erläuterung. Mal beschreibt sie die Zubereitung einer Suppe, einer Tunke oder von Risotto … Zu allerletzt ein Stückchen roher Butter daran gewandt, gibt dem Reis noch einen Glanz, als ob ein Sonnenstrahl auf hellen Messing im Abendschein fällt. Wohl dem, der in dieser Zeit ein Stück Butter für den Glanz hatte. Manchmal lässt sie die Zubereitung auch weg Gulasch kann jede Frau bereiten: das wäre Raumverschwendung, hier dazu Anweisungen zu geben. Die Lebensmittelauswahl ist für ein Kriegskochbuch mitunter bemerkenswert. Zum Nachtisch empfiehlt Boy-Ed Feigen, Datteln und Nüsse. Dicke Rhabarberstengel bezieht sie aus Italien. Das Büchlein ist ohne Jahresangabe gedruckt. Die Italienimporte lassen darauf schließen, dass das Büchlein Anfang 1915 geschrieben worden ist.

Ida Boy-Ed ist Schriftstellerin und das merkt man ihren Rezepten an. Sie weist sie die Hausfrauen an, fette Rinderbrust für große Haushalte zu wählen, kleinere sollten etas aus der Keule kaufen. Ob man beim Einkauf die Wahl hatte, ist die Frage. Um die blasse Farbe von Brühen appetittlich einzufärben, rät sie, braun gebrannten Zucker in der Küche bereit zu stellen. Interessanter Vorschlag. Im Plauderton erzählt sie vom Kartoffelsalat, den die Sängerin Frieda Hempel in New York serviert hat, der Farbe von Rhabarberkompott, die sie an die Sonne Ägyptens erinnert und Minestra (Minestrone), die sie eine florentinische Kochtopfkomposition nennt. Die Speisezettelgliederung verhindert einen gezielten Zugriff auf bestimmte Rezeptgruppen. Boy-Ed will kein Nachschlagewerk schreiben, sondern animieren. Und das gelingt ihr ohne Frage. Da sie Zutaten ohne Mengenangaben nennt, bleibt verborgen, mit wie wenig man lernen musste auszukommen. Musste ein Kotelett für vier Personen reichen?

Das Kriegskochbuch endet mit einer ausführlichen Beschreibung der Zubereitung von Labskau und allgemeinen Ratschlägen und Spartipps für die Küche. Dabei erfährt man nebenbei Einiges über die Küchentechnik der Zeit: Über die Kochdauer der Gerichte sagte ich nichts, weil jetzt Grudeherde, Kochkisten, Kochbeutel, Senkingherde, Kachelherde, eiserne Kochmaschinen, Gas- und elektrische Herde in Gebrauch sind. Jede Frau weiß, daß die ersten drei Arten die doppelte und dreifache Zeit zum Garwerden der Speisen brauchen. Bemerkenswert, welche Palette von Herden damals zur Verfügung stand.

Die Gemüsesuppe …

… ist gewissermaßen ein Kunstwerk aus zusammengestohlenen Motiven. Je erfinderischer ein Kopf im Verarbeiten der Gedanken anderer Leute ist, desto ruhmreicher oft der Erfolg. Diese höchst betrübliche Tatsache im Kunstringen und Leben sehen wir in der Küchenpraxis kalt lächelnd als etwas Lobenswertes an. Die Gemüsesuppe ist ein Thema con variazione [im Original Antiqua]. Sie kann graziös, sie kann kolossalisch sein. Immer ist sie nahrhaft. Alle Launen kann man an ihr auslassen. Man koche alle herkömmlichen Suppenkräuter, wie Porree, Sellerie, Petersilienwurzeln, Mohrrüben. Dazu tut man: ein ramponiertes Blumenkohlköpfchen, ein zerzupftes Kohlblatt, Kohlrabi, kleine Rübchen, ein paar weiße Bohnen, ein paar Kartoffeln, einen guten Löffel voll Reis – kurz, was man gerade bekommen kann. Je unentwirrbarer das Durcheinander zusammengekocht ist, desto besser wird es munden. Hat man von der Fleischbrühe am Sonnabend noch abgeschöpftes Fett (und man muß es haben!), so genügt das als willkommene Zutat. Sonst können es auch zwei Bouillonwürfel oder eine Messerspitze Fleischextrakt sein.

Vaterlandes Kochtopf, S. 9f