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Pikante Muscheln

Kriegs-Kochkurse

von Amelie Sprenger
Vertrieb Firma J. B. Deppisch Würzburg
Königl. Universitätsdruckerei H. Stürz A. G. Würzburg
1915
Schrift Antiqua
20×28 cm, Broschur, Umfang 96 S.
Standort Privatbesitz

Die Kriegs-Kochkurse aus Würzburg haben im Vergleich zu anderen Kriegskochbüchern ein großes Format: 20 cm breit und 28 cm hoch. Auf dem vergilbten Umschlag kann man nicht nur Titel, Name der Verfasserin und Preis 50 Pfennig lesen sondern auch das gesamte Inhaltsverzeichnis des Büchleins. Für weitere Schmuckelemente ist nun kein Platz mehr. Die Rückseite ist bis auf die Angabe der Druckerei leer. Die Schriftwahl des Kochbuchs ist bemerkenswert: Es ist das erste von mir porträtierte Kriegskochbuch, das in der heute üblichen Antiquaschrift gedruckt ist.

Die Kriegs-Kochkurse sind eine Koproduktion. Amelie Sprenger, die Leiterin der privaten Kochschule des Vereins Frauenheil in Würzburg, und die erste Haushaltswarenfirma am Platz – J. B. Deppisch – veröffentlichten 1915 zusammen ein Kriegskochbuch. Ein Zeugnis des bürgerlichen Unternehmergeists der Kaiserzeit und einer innovativen Zusammenarbeit.

Amelie Sprenger wurde in Klüsserath nahe Trier 1876 geboren. Nach einer Ausbildung zur Hauswirtschaftslehrerin in Karlsruhe zog sie zum 1.1.1900 nach Würzburg. Ab 1912 leitete sie die Kochschule, deren Zielgruppe fortschrittliche städtische Bürgerinnen waren. Als der Erste Weltkrieg die Lebensmittelversorgung in den Städten immer mehr erschwerte, bot die Kochschule Kriegs-Kochkurse an. Wenig später verschriftlichte Sprenger die Rezepte und gab sie zusammen mit der Firma J. B. Deppisch heraus. Es war nicht das erste gemeinsame Kochbuch und und sollte nicht das letzte bleiben. Amelie Sprenger starb 1962 in Würzburg. Die Firma J. B. Deppisch schloss vor 2000 ihre Tore.

Die Kriegs-Kochkurse sind ein Hybrid: Rezeptsammlung und Deppisch-Katalog in Einem. Die Firma wirbt mit 13 ganzseitigen Anzeigen für ihre Haushaltswaren: Töpfe, Pfannen, Kuchen- und Plätzchenformen. Die Anzeigen korrespondieren mit den Rezepten. Auf der linken Seite sind z. B. verschiedene Kochkistentypen abgebildet und auf der gegenüberliegenden rechten erklärt Sprenger Funktion und Gebrauch des Küchenmöbels: Kriegsküche und Kochkiste gehören zusammen, denn Kriegsküche bedeutet nicht nur ein Sparenmüssen an Nahrungsmittelwerten, sondern auch ein bewusstes und gewolltes Sparen der deutschen Hausfrau auf allen Gebieten der Küche und somit auch an Holz, Kohlen und Gas. Die Propaganda kam auch bei Sprenger nicht zu kurz.

Wie oben erwähnt, steht das Inhaltsverzeichnis auf dem Umschlag. Die Kapitel beginnen wie folgt:

Sättigende Kriegssuppen
Gemüsesuppen
Kriegsgemässe Fischgerichte
Die Miesmuschel

Stopp! Miesmuscheln in Würzburg?

Die Miesmuschel ist eine Gabe des Meeres und kommt in ungeheuern Mengen an unseren Küsten vor – schreibt Sprenger. Von dort soll sie via Güterwagen ins Binnenland transportiert werden und helfen, den Eiweißbedarf der Bevölkerung zu decken. Es ist typisch für Kriegskochbücher, dass sie versuchen nicht nur mit Sparsamkeit der Ernährungsmisere zu begegnen, sondern auch mit innovativen Ideen. Die Miesmuschel in Unterfranken einzuführen ist eine solche Idee. Nicht jede Innovation setzt sich durch. Ich vermute, nur wenige Würzburger sind ihrem Ratschlag gefolgt.

Die anschließenden Kapitel klingen wieder vertrauter: Es folgen Fleischgerichte, Eintopf-Gerichte, Gemüse-, Kartoffel- und Pilzgerichte für fleischlose Tage, Kriegsgemässe Klösse, süsse Speisen und Backwerk. Den Schluss bilden Abendbrotgerichte und Ersatzmittel. Da laut Sprenger mangels Brot der bisher meist übliche, kalte Aufschnitt von Wurst und Braten in den wenigsten Fällen beibehalten werden kann, muss das Abendbrot neu definiert werden. Sie rät zu Sülzen – Kalbskopfsülze, Gesulzte Kalbsfüsse – und Pasten: Hasenleberpaste, Käsepaste. Wie man sieht, schreibt Sprenger nicht für die Landfrau sondern für die bürgerliche Hausfrau in der Stadt. Man war auf Lebensmittelkarten, den Kolonialwarenhändler und den Markt angewiesen. Die Städter hatten eine eigene Essgewohnheiten und waren keine Selbstversorger. Zum Schluss ein Beispiel für ein Muschelrezept von Amelie Sprenger:

Pikante Muscheln.

3-4 Pfund gedämpfte Muscheln, 40 Gramm Butter, Petersilie, Salz, Muskat, Zitronensaft.

Die nach Vorschrift vorbereiteten und gedämpften Muscheln werden, sobald sie sich geöffnet haben, aus der Schale gelöst, mit reichlich feingeschnittener Petersilie in der Butter durchgeschwenkt, die Dämpfbrühe, Zitronensaft und wenn nötig noch Salz und Muskat zugegeben und in der kurzen Tunke angerichtet.

Kriegs-Kochkurse, S. 18

Regina Frisch, Kochen im Ersten Weltkrieg. Drei Kriegskochbücher aus Bayern, Verlag Königshausen & Neumann Würzburg 2018. Zu den abgedruckten und kommentierten Kriegskochbüchern gehören die Kriegs-Kochkurse aus Würzburg; die Pikanten Muscheln sind dort auf S. 264 zu finden.

Gerhard Luber / Rainer Maas, Kleine Welt und Großer Krieg. Der Erste Weltkrieg, Würzburg und das Alte Gymnasium, Verlag Königshausen & Neumann Würzburg 2017, S. 145.